Und wieder so ein Tag…

…Heute Morgen bin ich aufgestanden und habe mich fertig für die Schule gemacht. Natürlich bestand meine Kleidung wie gewöhnlich aus einem schwarzen Oberteil, schwarzen Jeans und auch schwarzen Schuhe. Alleine bei meinem Make-up gab ich mir heute Morgen mehr Mühe. Das Gesicht recht hell geschminkt mit schwarzem Lidschatten und leicht rot unterlegten Augen. Die Lippen sind heute in einem dunklen Bordeaux-rot. Auf dem Weg zur Schule wurde ich, wie eigentlich jeden Tag, von allen komisch angestarrt. Als wäre ich ein Alien vom Planeten Gothicton.

Warum können sie mich nicht einfach mein Leben leben lassen, wie ich das möchte. Meine Persönlichkeit akzeptieren. In der Schule angekommen, hört das Starren natürlich nicht auf, dazu kommt nur noch leises Geflüster um mich herum. Sollten sie nicht langsam verstanden haben, was ich bin, wer ich bin und warum ich so bin. Der Unterricht heute verlief recht gut, wenigstens die Lehrer gehen meist ganz normal mit mir um. In der großen Pause habe ich mich dann in eine stille Ecke gesetzt. Mit meinen dauerfröhlichen Mitschülern lustig plaudern ist einfach nicht meine Welt und um ehrlich zu sein, ich will auch nicht, dass das meine Welt ist. Ich begann mich den in mir aufsteigenden Gedanken über den Tod zu widmen. Es ist nicht so, als würde ich gerne und auch viel über ihn philosophieren, in der Schule bleibt dazu aber eindeutig viel zu wenig Zeit. Und als ich gerade so tief in meinem Gedanken rund um Tod und Reinkarnation vertieft war, holte mich mit einem Hieb der Gong für die nächste Stunde aus meinen Gedanken. Die nächste Stunde war Religion, in der wir uns, was ein Zufall, mit dem Thema „der Tod“ auseinandergesetzt haben. Also meine Mitschüler, ich habe meine Einstellung dazu schon lange im Kopf. Viele meiner Mitschüler waren aber komplett anderer Meinung. Während ich den Tod akzeptiert habe und für mich klar ist, der Tod gehört zum Leben dazu, sind einige der festen Ansicht, der beste Weg mit dem Tod klarzukommen ist, ihn so weit es geht zu verdrängen. Eine typische Einstellung der Gesellschaft.

Wieder zuhause angekommen wartete meine Mutter schon mit dem Mittagessen auf mich. Mit lediglich einem kurzen missbilligen Blick auf mein Äußeres begrüßte sie mich freundlich. Nach einem recht leckeren Mittagessen und dem üblichen oberflächlichen Smalltalk ging ich dann aber doch recht schnell wieder in mein Zimmer. Dort wartete „Siddharta“, ein Gothic-Novel auf mich. Als ich zwei Stunden später aus meiner Lese-Trance erwacht bin, war es schon Zeit, mich auf den Weg zu der alten verlassenen Kirche zu machen. Dort traf ich mich mit meinen Freunden. Menschen die so sind wie ich, Gothics. Natürlich nicht ohne die ganzen Blicke der Menschen auf mir zu spüren als ich durch die Stadt lief. Ich lasse sie so leben wie sie das möchten, ihr ganz normales, normentsprechendes Leben. Was ist so schwer daran, mich so zu akzeptieren, wie ich nun mal bin, ein Gothic. Als ich endlich die Kirche erreichte, fühlte ich mich ein Stück mehr zuhause. Endlich sah ich die Personen, mit denen ich über alles reden kann. Zum Beispiel über den Tod oder meinen ständigen Begleiter, die Traurigkeit, ohne falsch oder gar gar nicht verstanden zu werden. Nach etwa drei Stunden des Philosophierens über den Tod, tiefe Gefühle und Probleme lösten wir uns schweren Herzens von einander und ich machte mich auf den Weg nach Hause. Als ich durch die Stadt lief, kam mir ein junger Mann entgegen und schaute mich schon so verurteilend an. Während er an mir vorbei lief, rief er mir nur zu, ich sei ein scheiß Teufelsanhänger. Was soll ich sein? Nur, weil ich nicht so (wie gefühlt alle anderen) nur diese eine Religion habe und mich einfach besser über die verschiedenen Religionen informiere und dadurch den Glauben verinnerlicht habe, dass wer an Gott glaubt auch an den Teufel glauben sollte, sollte ich ihn auch gleich huldigen? Wie ich dieses Schubladendenken doch verabscheue. Warum fällt es Menschen so schwer, über ihren Tellerrand zu blicken? Doch so beleidigt ich auch war, wollte ich auch einfach nur raus aus dieser Stadt voller Menschen. Also lief ich, den Blick nach unten gerichtet, einfach weiter. Als ich dann endlich wieder in meinem schön ruhigen Zimmer angelangt war, legte ich mich aufs Bett und hörte einfach nur die neuste CD von „The Cure“ und ließ meine Gedanken über die in mir aufkommende Traurigkeit schweifen „And the light begins to fade, And everything is quiet now, Feeling is gone, …“ (“Seventeen Seconds” - The Cure)