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Smalltalk mit Erwachsenen ist meistens unglaublich spannend und abwechslungsreich. Ständig denken sie sich Fragen aus, die zuvor noch niemand Kindern gestellt hat:

„Wie läuft es in der Schule?“

„Freust du dich schon auf die Ferien?“

„Bist du denn schon bereit für den Ernst des Lebens?“

Ich tue ihnen den Gefallen und frage, was sie damit meinen, als wüsste ich es nicht längst.

„Du gehst doch nächstes Jahr aufs Gymnasium, oder etwa nicht?“

„Ach ja, stimmt!“

„Erzähl doch mal! Freust du dich schon?“

Ich weiß nie, was ich auf diese Frage antworten soll. Da ich noch nie Gymnasiast war, kann ich nicht beurteilen, ob es etwas ist, worauf man sich freuen sollte. Schließlich gibt es keinen Trailer für das Leben an der weiterführenden Schule.

Aus diesem Grund (und weil Mama meinte ich soll „ endlich den Fernseher ausmachen und mich ein bisschen für meine neue Schule begeistern“) ging ich an dem Abend des 26. Februars zu dem Besuchsabend für künftige Fünftklässler.

Der „Wow-Effekt“ blieb zugegebenermaßen aus, als ich das Gebäude betrat, weil ich nicht das erste Mal in dem Gymnasium war. Meinen älteren Geschwistern hatte ich es zu verdanken, dass ich bereits zu einigen Veranstaltungen mitgeschleppt worden war. Besonders beeindruckt hatte mich damals das Sprechorgan des Schulleiters, dass es ihm ermöglichte, sich selbst ohne Mikro langfristig Gehör zu verschaffen.

Meine Aufregung hielt sich dennoch in Grenzen.

Über meine Freunde, die neben den Fotos von Lehrern standen und eifrig versuchten festzustellen, wen wir nächstes Jahr bestenfalls als Klassenlehrer bekommen würden, konnte ich nur den Kopf schütteln. Meine Eltern waren bereits einige Sekunden nach unserer Ankunft in ein Gespräch verwickelt worden und machten nicht den Eindruck, als würden sie diesem bald entkommen können. Dann blieb wohl nur noch die Option, mich selbst zu beschäftigen.

Ich dachte an einen Film, den ich vor einigen Tagen gesehen hatte.

Probeweise stellte ich mir einen Moment lang vor, ich würde das Gymnasium nicht als Besucher sondern als Sherlock Holmes betreten, der wegen eines Falles ermitteln sollte. Inkognito natürlich. 

Einen kurzen Moment lang blendete ich alle Geräusche aus, während ich mich umsah. In der Mensa hatte sich mittlerweile eine Menschenmenge versammelt und einige Schüler*innen bereiteten ihre Instrumente auf der Bühne vor. 

Ich lief los, an dem Skelett vorbei, das vor einem der Bio-Räume stand und sah dahinter einen großen roten Kasten an der Wand befestigt. Zwar befand ich mich auf einer wichtigen Mission, dennoch musste ich natürlich einen raschen Blick durch die Glasscheibe werfen.

Zweige?! Warum um alles in der Welt, sperrte man Zweige in einen Kasten? Plötzlich bewegte sich einer von ihnen und begann am Glas entlang zu klettern.

WOW. In was für einem Film war ich denn hier gelandet? „Fantastische Tierwesen“?

Ich wich hastig einige Schritte zurück und lief weiter, immer dort entlang, wo ich eine Spur vermutete.

Im Hintergrund ertönte Blasmusik. Erst im Nachhinein sollte ich erfahren, dass das Publikum von den Schülern aus der 6. Klasse, die ihre Instrumente teilweise erst vor Kurzem zu spielen begonnen hatten, begeistert gewesen war. Doch im Moment hatte ich wirklich keine Zeit für Musik.

Ich bog ab und lief an einer Reihe bunter Schließfächer vorbei. Hier war ich ganz  alleine. Aber das machte nichts, schließlich war ich Sherlock Holmes.

Auf meiner Rechten befanden sich erneut Glaskästen, durch die ich beiläufig einen Blick warf: Mäuse, Schädel von Affen. Und – eine riesige Vogelspinne!

Das war selbst für Sherlock Holmes zu viel des Guten. Ich drehte um, rannte den Gang entlang und folgte der Blasmusik zurück in die Aula. Gelegentlich warf ich dabei einen Blick über meine Schulter, um mich davon zu vergewissern, dass mich die Vogelspinne nicht verfolgte.

Nachdem ich mich beruhigt hatte, kam mir meine Flucht plötzlich albern vor, sodass ich beschloss meine Ermittlungen fortzusetzen. Dieses Mal allerdings mit meinem besten Freund Watson. Gemeinsam sahen wir uns im ersten Stock um. Inzwischen hatte Herr Müller seine Rede beendet und im ganzen Schulhaus strömten Schüler durch die Gänge, um sich anhand von verschiedenen Aktivitäten Schulfächer vorstellen zu lassen.

Plötzlich drangen Schreie aus dem Chemiesaal. Augenblicklich stürzten wir hinein. Ein Junge in einer weißen Jacke stand mit brennender Hand inmitten einer Menschenmenge.

Grinsend betrachtete er seine Hand, klopfte schließlich hastig das Feuer aus und lachte. „Wer will das nochmal sehen?“

Ich atmete erleichtert aus und sah Watson an.

„Ich bin sowas von bereit für das nächste Schuljahr.“ meinte er.

Ich lachte. „Der Ernst des Lebens kann beginnen.“ 

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