Die Freiheit in der Gestaltung und Strukturierung meines Alltags ist größer, aber die Gestaltungsmittel haben sich auf das Minimalste reduziert – so scheint es zumindest im ersten Moment. Da stellt sich für mich die Frage: was will ich eigentlich lieber? Was taugt mir mehr? Wo fühl´ ich mich selbst besser?

Seit Beginn der „Corona-Ferien“, einer Auszeit in Abgeschiedenheit, stelle ich mir diese Fragen - mal mehr, mal weniger präsent. Was tut mir wirklich gut, wie komme ich mit der Situation klar? Und bis heute Morgen hätte ich gesagt, ich weiß es nicht. Aber warum? Immerhin habe ich meine Situation schon vor zwei Wochen reflektiert, mir Freiräume und die Zeit für mich genommen über alles nachzudenken, alles zu reflektieren und einen Weg zu finden, aus meinem damaligen Loch heraus zu kommen. Nachdem ich diese Zeit in Anspruch genommen habe, ging es mir wirklich gut; ich konnte konzentriert arbeiten, meine Gedanken Anderen darstellen, vielleicht auch ihnen eine Hilfe sein, wie sie mit der Situation umgehen können – am Ende ist es natürlich trotzdem jeder für sich, der das für sich selbst entscheiden kann.

Die Worte „ich weiß es nicht“ deuten für mich in so einer Zeit immer eine gewisse Orientierungslosigkeit an – in vielen Bereichen. Ich selbst kenne den Zustand nur zu gut, keine Ahnung haben, was man denken soll, man wird viel von anderen Meinungen beeinflusst, versucht sich daraus direkt eine eigene Meinung zu bilden. Aber das funktioniert nicht. Es gibt so viele Dinge, die einen täglich, stündlich, sogar minütlich beeinflussen; sei es ein kritischer Beitrag auf einer Social-Media Seite oder irgendein unnötiger Kommentar zum Thema „Corona“ im Stufenchat. Alles, ob man es will oder nicht, hat einen Einfluss auf einen selbst, auch wenn man es versucht zu verdrängen.

Vielleicht ging es in den letzten Tagen vielen so, vielleicht denken sich jetzt aber auch Andere, warum ich mich so anstelle, eine Meinung zu finden, weil sie doch so klar scheint. Und ich glaube, das ist eines meiner größten Probleme. Es soll keine Kritik an der Umwelt sein, wohl eher ist es eine Kritik an mir selbst, wie ich mit anderen Meinungen umgehe und diese auch an mich heran lasse. Ich habe wirklich mit vielen Personen über das Thema geredet, habe mir viel angehört, immer versucht, mich in diese Person hineinzuversetzen und die Meinung und Einstellung nachzuvollziehen, was ich im Endeffekt auch meistens konnte. Aber je mehr Meinungen ich mir angehört habe, je mehr ich in die Gedanken anderer eingetaucht bin, umso mehr bin ich auch von meinen eigenen Gedanken abgeschweift; abgeschweift in dem Sinne, dass meine eigene Meinung immer verschwommener wurde.

Und ich glaube genau das ist die Kunst; andere Meinungen anzuhören, sie versuchen nachzuvollziehen, aber selbst immer wieder reflektieren, wie ich selbst dazu stehe. Wie empfinde ich das? Wie kann ich mich damit identifizieren? Sonst kommt es schnell dazu, dass man seine eigene Meinung vergisst – finde ich jedenfalls.

Die Meinungsbildung ist keine einmalige Angelegenheit, es ist kein Punkt, der von jetzt auf gleich entschieden ist – vielmehr ist es ein Prozess, der ständig „aktualisiert“ und neu angepasst werden muss, um Situationen einschätzen und bewerten zu können.

Von mir kann ich behaupten, dass mir das zwar in einer gewissen Weise bewusst war, aber eben nicht vollständig. Ich habe mir eine Meinung gebildet. Für die damalige Situation war sie für mich auch die „Richtige“, inwiefern man das auch immer sagen kann – sie hat mich aber auf jeden Fall nicht verzweifeln lassen. Trotzdem habe ich vergessen, mir auch in der darauffolgenden Zeit intensiv Gedanken darüber zu machen, vielleicht, weil ich es nicht besser wusste, vielleicht, weil es mir zu lästig war oder weil ich dachte, andere Meinungen werden mich sowieso nicht beeinflussen. Doch das tun sie, zwar oftmals nur in winzig kleinen Schritten, aber sie tun es. Und so kann es schnell zu einer erneuten Orientierungslosigkeit kommen.

„Bis heute Morgen hätte ich gesagt – ich weiß es nicht“; ja, ich wusste es nicht. Aber mit diesem Schritt der Erkenntnis, die eigene Meinung sei ein Prozess, der nie anhält, der mit den Höhen und Tiefen des eigenen Befindens auf und ab geht, habe ich für mich einen Schritt zu meiner Meinung gemacht, zurück zu dem Vermögen, die Fragen, wie es mir geht, wie ich mit der Situation klar komme, was mir das alles taugt, beantworten zu können.

Für jeden ist die derzeitige Situation neu, angsteinflößend und wenn wir mal ganz ehrlich sind, auch immer wieder ganz schön langweilig. Ich gebe mir Mühe, immer wieder neue Dinge auszuprobieren und lang Aufgeschobenes fertig zu bekommen. Dann gibt es die Menschen in systemrelevanten Berufen, die sich um das Gefühl der Langeweile keine Sorgen machen müssen. Sie müssen jeden Tag ihr Bestes geben und versuchen, jeden so schnell es geht wieder fit zu bekommen. Keine leichte Aufgabe! Hut ab!

Und dann gibt es noch Marken wie H&M oder Adidas, die dadurch, dass sie derzeit ihre Geschäfte nicht mehr geöffnet haben können, doch tatsächlich keine Miete mehr zahlen möchten. Wirklich jetzt? Die Unternehmen, die einen Jahresumsatz von über 20 Milliarden Euro haben, sagen, sie können das finanziell nicht stemmen? Das Ganze wäre ja noch halbwegs zu verkraften, würden die Mieten für ihre Stores nicht an mittelständische Leute gehen, die ohne das Einkommen wahrscheinlich keine Chance zum Überleben haben. Es macht mich sauer, so etwas zu hören. Jedes Unternehmen, jedes noch so kleine Restaurant und jeder Selbstständige muss gerade schauen, wie es über die Runden kommt, auch mit den normalen Mietzahlungen, und so etwas von den Firmen die einer der höchsten Jahresumsätze in Deutschland zu hören, finde ich bedenklich.

Die Situation ist für jeden nicht leicht, aber wann, wenn nicht jetzt, wäre die Zeit gekommen, über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und auf andere zu achten? Nur im sozialen Miteinander werden wir diese Zeit gut überstehen.

Jeden Tag höre ich, dass in der Pflege jede Hilfe erwünscht sei und sogar Rentner wieder in den Dienst gerufen werden. Und da kommt in mir das Gefühl von Nutzlosigkeit auf. So gern würde ich helfen, mich irgendwie nützlich machen. Vor allem, weil mein Traumberuf in der Pflege liegt. Aber leider kann ich nicht. In einem Krankenhaus würde ich nur jedem im Weg stehen und das wäre dann wiederum kontraproduktiv.

Betrachtet man es objektiv, trage ich schon meinen Teil hinzu, ich bleibe daheim, vermeide den Kontakt zu fast allen Menschen (außer meiner Familie) und übe mich darin, die Decke schön oben zu halten, damit sie mir womöglich nicht auf den Kopf fällt. Aber das fühlt sich doch irgendwie zu wenig an? Es ist nun mal nicht meine Art, still zu sitzen.

Kann ich denn irgendwie helfen?

Wenn man sich mit der Technik geschickt anstellt, schafft man es, mit seiner Klasse eine Videokonferenz zu starten.  Es hilft mir, nicht nur nicht in meiner Einsamkeit zu ertrinken, sondern auch den Stoff besser zu verstehen. Dafür muss aber leider das Internet funktionieren, sonst stürzt dann doch das ganze System ab. Natürlich sollte nicht jedes Unterrichtsfach per Videokonferenz gehalten werden. Manche Lehrer*innen würden wir doch dann lieber nicht sehen ;)

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In Zeiten des Online-Unterrichts aufgrund der Corona-Krise floriert der Datenaustausch via Online-Plattformen, der  Drucker kommt an seine Farb- und Papiergrenzen und ganze Baum-Familien bangen vermutlich gerade um ihr Leben. An unserer Schule etablieren sich nun überraschende Alternativen:

Physiklehrer Achim Hertfelder nutzt die neu gewonnene Zeit, um seine Schülerinnen und Schüler weiterhin bestmöglich mit Unterrichtsinhalten zu versorgen und dabei seiner Kreativität Ausdruck zu verleihen:

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